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Stadtökologischer Lehrpfad – Station Nr. 02
Mauerritzen und Pflasterfugen als Lebensraum Hinterm Zwinger.

Auf Höhe des Storchenbrunnens führt ein Gässchen von der Kurt-Schumacher-Anlage durch die innere und äußere Stadtmauer in die Altstadt.

Fugen in Natursteinmauern und Strassen- oder Wegepflaster bilden einen Lebensraum für unscheinbare Spezialisten unter den Pflanzen und Tieren. Meist finden diese Biotope erst dann Beachtung, wenn Menschen sich an ihnen stören und in der Folge den Bewohnern mit Pestiziden und Hochdruckreinigern zu Leibe rücken. Dabei lohnt es sich durchaus, einmal den Blick zu fokussieren und auf den erstaunlich vielfältigen Mikrokosmos in den Ritzen zu richten.

Kein Kraut ist gewachsen gegen Beton, Zwischen mooslosen Fugen führt der Sommer ein Schattendasein. Den Kindern kappt man die Stimmen: Wenn schon verkümmern, dann lautlos.
Elke Oertgen

Typische Standorte sind Natursteinmauern oder Plätze und Wege mit Kopfsteinpflaster. Viele der Pflanzen, die sich an diesen extremen Standorten behaupten können, sind klein und unscheinbar: Kleinfarne, Flechten und Moose, Kräuter wie Zimbelkraut (Cymbalaria muralis) oder Bruchkraut (Herniaria glabra) und verschiedene Gräser, z. B. das einjährige Rispengras (Poa annua), bilden einen zarten, grünen Flaum zwischen den Steinen, wenn man sie nur lässt. Einige Pflanzen verdanken ihrer Vorliebe für solch exponierte Standorte sogar ihren Namen, wie beispielsweise der Breitwegerich (Plantago major) oder der Mauerpfeffer (Sedum spec.).

Dabei sind die Standortbedingungen insbesondere am Boden wirklich hart. Alle Blätter, Blüten oder Stängel, die über die Fugen ragen, können jederzeit durch Menschentritt oder Autoreifen zerquetscht oder beschädigt werden. Zudem bieten Ritzen zwischen den Steinen nur minimalen Raum zum Wachsen und stark verdichteten Boden. Bei Regen versickert das Wasser langsam, und es herrscht „Land unter“. Im Sommer heizen sich die Standorte sehr stark auf, und die Bewohner leben in einem trockenheißen Glutofen. Im Winter werden sie von Schnee und Eis bedeckt und im schlimmsten Fall mit Auftausalz bestreut.

Diese besonderen Bedingungen erfordern von den Pflanzen ganz spezielle Überlebensstrategien: U. a. eine hohe Regenerationsfähigkeit einzelner Teile, ein elastisches und widerstandsfähiges Gewebe, eine geringe Größe und eine lange Blütezeit ermöglichen das Überleben und die Vermehrung. Viele der Fugenbewohner sind zudem nur einjährig: Nach einer Saison sterben die Pflanzen ab. Die Samen sind i. d. R. so widerstandsfähig, daß sie die widrigen Zeiten gut überstehen und beim ersten Anzeichen von Besserung mit dem Keimen beginnen können. Andere, z. B. Moose, können ungünstige Phasen nahezu ohne Energieverbrauch und stoffwechselneutral überstehen. Manche Moose trocknen im Sommer vollkommen aus. Sie sind aber allzeit bereit, sich wieder vollzusaugen, wenn Regen fällt und sich die Bedingungen verbessern.

Zumindest ist in den meisten Fällen die Nährstoffversorgung gesichert. Durch den Regen, die Mineralstoffe in Mauermörtel oder -putz, durch Staub und natürlich durch die in Städten reichlich verfügbaren Hinterlassenschaften von Hunden steht den „Mauerblümchen“ eine reichhaltige Palette an Nährstoffen zur Verfügung.

Die Fauna wird insbesondere an den Mauern von wirbellosen Tieren, und hier von Insekten, Spinnen- und Krebstieren, bestimmt. Sicherlich könnte so manches Gemäuer auch Vögeln, Mäusen oder Fledermäusen Nist- und Futterplatz bieten, in der Regel werden jedoch Nischen und Löcher bei Renovierungsarbeiten so gewissenhaft verfugt, daß nichts Größeres als Asseln, Weberknechte oder Zebraspringspinnen Halt findet. Zwischen den Pflastersteinen tummeln sich gelegentlich Schnecken, Ameisen oder Steinmilben.

Pflanzen auf Gehwegen oder in Mauerfugen werden häufig als "Unkraut" bezeichnet und gelten als unordentlich und unschön. Dabei kann in den meisten Fällen doch ein wenig Grün zwischen dem Grau wirklich nicht schaden, oder? Mauern mit guter Statik kann die Besiedlung mit Moosen, Flechten und sonstiger Mauerritzenvegetation im Allgemeinen wenig anhaben. Sie überdauern oft viele hundert Jahre ohne Einschränkung ihrer Standfestigkeit. Oberflächliche Lücken in der Fugenstruktur stellen kein Problem dar.

Martin Scheidler, Bund Naturschutz: Jürgen Holl

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